Die Dayak Kalimantans sind weit ueber ihre Grenzen hinaus bekannt und zahlreiche Mythen ranken sich um sie. Ihnen werden magische Faehigkeiten zugesprochen, sie sind als (ehemalige) Kopfjaeger beruehmt-gefuerchtet, sie kennen den Wald wie kaum jemand anders, sie sind passionierte Jaeger, sie gelten als ausgesprochen attraktiv und den Frauen werden verfuehrerische Faehigkeiten bzw. Magie nachgesagt. Die Dayak sind bekannt den Tag eher ruhig anzugehen und in ihrer Trinkfestigkeit sind sie in Indonesien wahrscheinlich konkurrenzlos.
Hinsichtlich der Trinkfestigkeit kann ich dies nur bestaetigen. Mehr als einmal musste ich mich der Geselligkeit mit schwindeligem Kopf fruehzeitig entziehen. Zu meiner Verteidigung muss aber gesagt werden, dass die Dayak mit ihrem “Saguer” (Palmwein) ein sehr anregendes, dennoch kopfschmerzfreise Getraenk haben, welches sie sehr oft (meist nach getaner Arbeit) in geselliger Runde trinken. Was ist der “Saguer” also fuer ein Getraenk?
Continue reading ‘Saguer – Das Getränk der Dayak’
Archive for the 'Kultur' Category
Seit ein paar Wochen sieht man hier in Putussibau und in allen anderen Staedten Indonesiens deutlich mehr Rot-Weis als ueblich. Nicht dass ploetzlich die Pommes mit Ketchup und Mayo den Reis vom Fruehstuckstisch verdraengt haetten. Nein, vielmehr sieht man viele rot-weise-Fahnen, rot-weis-geschmueckte Tore, Lichterketten die rot-weise Tafeln mit der Zahl “65″ und dem Datum “17. August” umblinken und selbst Haeuser haben manchmal recht kitschige rot-weise Stoffschuerzen umgehangen bekommen. Indonesien bereitet sich auf den Hari Merdeka – Den Tag der Unabhaengkeit, oder besser gesagt den Tag der Proklamation der Unabhaengigkeit, vor. Vor 65 Jahren hatte Ex-Praesident Soekarno die Unabhaengigkeit Indonesiens proklamiert welche das Land nach 4 Jahren Kampf gegen die Kolonialmacht Holland schliesslich 1949 erreichte.
Das geschmueckte Tor vor meiner Arbeitsstelle (Amt fuer Plantagen und Wald).
Appelle, symbolische Akte, formale Zerremonien sind so typisch fuer Indonesien wie das Nasi Goreng und dies wird an einem Tag wie dem 17. August besonders deutlich. Hastig werden Schandflecken ausgebessert, lange aufgeschobene Reparaturen muessen nun schnellstmoeglich noch vor dem 17. August erledigt sein und Strassen und Haeueser bekommen rot-weise Dekos. Schon Wochen vorher ueben die Jugendlichen welche dann an der Zeremonie teilnehmen Marschieren und still Stehen. Ueberhaupt hat das alles einen sehr patriotisch-militaerischen Charakter. Da wundert es dann nicht, dass auch bei der Fahnenzeremonie ein streng militaerischer Ton herrscht, alles super steif und formal ist. Die Behoerdenchefs sitzen zur Linken in Uniform auf Plastikstuehlen, deren Frauen zur Rechten. In der Mitte ist der Platz und das Rednerpult fuer den Bupati, das Regierungsoberhaupt des Distrikts, freigehalten. Gegenueber, getrennt durch den Appellplatz vor dem Bupatipalast muessen das Militaer, die Polizei und alle Gymnasiasten stehen.
Fahnenappell vorm Regierungsgebaeude.
Der Bupati-Konvoi kommt durch die Oelpalmallee vorm Regierungsgebaeude vorgefahren.
Und so warten sie… bis dann der Bupati, der staerkste Mann im Distrikt unter Blaulicht-Kolonne mit seinem Luxuswagen eintrifft. Nun werden Reden geschwungen, es wird martialischen Befehlsrufen des Bupatis Folge geleistet, es wird marschiert, die Fahne gehisst und wieder eingerollt und wieder wegmarschiert. Dazwischen kippen 2 Soldaten und ein paar Schueler um (es ist ja Ramadan – der Islamische Fastenmonat, wo glaeubige Muslime am Tag nichts essen und trinken duerfen).
Die versammelte politische Prominenz des Distrikts beim Fahnenappell.
Ich weis nicht, ob Indonesier solche formalen und steifen Zeremonien wirklich moegen, oder ob sie diese einfach mitmachen da es von ihnen erwartet wird und man es eben schon immer so gemacht hat. Wie auch immer, egal ob Eroeffnungszeremonien, Einweihungen, Hochzeiten, … Es gibt immer laaaaaaanggge Reden – denen aber meist niemand wirklich zuhoert – es ist immer super steif und selten gibt es individuelle Elemente die dieses Event irgendwie von den anderen unterscheiden wuerde. Aber es gibt zum Glueck nicht nur Zeremonien.
Neben dem formalen Akt des Fahnenppells (ich glaube das machen die eigenlich 2x pro Tag – einmal zum Fahne hissen und einmal zum Fahne einholen – da es aber heute morgen wie aus Eimern vom Himmel geschuettet hat, haben sie beide Zeremonien gleich kombiniert), gibts um den 17. August aber auch noch andere Aktivitaeten. So finden (wenn denn nicht Ramadan waere) in der Woche davor viele Sportwettkaempfe und Volksfeste statt. Besonders beliebt ist z.B. das Klettern auf den mit Oel eingeschierten der Mast (Pohon Pinang) um die Preise am oberen Ende zu erhalten. Diese Jahr gibts sowas meines Wissens nach nur in den christlichen Subdistrikten.
Pohon Pinang – Preise die nur ueber den glitschigen Mast zu erreichen sind. Teamwork ist wichtig!
Jedes Jahr zwischen Ende Mai und Ende Juni kann man in den Doerfern der Dayak, den Doerfern der groessten indigenen Bevoelkerungsgruppe von Borneo, mit Fahnen, Bambus und Palmenblaettern geschmueckte Strassen und Haeusser sehen und nicht selten wird man zum Trinken eines oder meist mehrerer Becher alkoholhaltigen Tuaks oder Brems in geselliger Runde genoetigt, aehm eingeladen wollte ich sagen – Denn es ist Gawai-Dayak – Saison.
Geschmuecktes Balai Desa Ukit-Ukit – Gemeindehaus von Ukit-Ukit
Einmal im Jahr findet in allen Doerfern der Dayak das Gawai Dayak statt. Dies ist das wichtigste Fest der Dayak und ist vom Ursprung her vielleicht am ehesten mit unserem Erntedankfest vergleichbar. Wenn auch das Zapfen von Kautschuk, die Arbeit auf den Oelpalmplantagen und der Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte immer mehr an Bedeutung gewinnt, so ist Ladang bzw. Wanderfeldbau fuer die Produktion von Reis in vielen Regionen Borneos nach wie vor eine sehr bedeutende, oftmals sogar die Hauptaktivitaet der Dayak. Auch hat der Wanderfeldbau eine hohe kulturelle und spirituelle Bedeutung fuer die Dayak. In der Regel wird der Reis zum Ende der Regenzeit von Februar bis April geerntet. Dieser wird dann, oftmals in zeitaufwendiger Handarbeit, gereinigt und geschaelt. Ende Mai ist der Reis (oder Beras wie hier geschaelter Reis genannt wird) dann aber in den grossen Tonkruegen und Eimern eingelagert. Die Arbeit auf den Ladangflaechen macht nun, bis zum Beginn der Rodungsarbeiten fuer neue Felder, dem Abbrennen dieser und dem Saehen neuer Reispflanzen, eine mehrere Wochen andauernde Pause. Und in diese Zeit faellt das Gawai-Dayak.
Empfang der Gaeste beim Gawai-Dayak
Vom Perangkat-Adat, dem Aeltestenrat und Angehoerigen der oberen Strata, wird der Termin fuer das Fest im Dorf bestimmt und die Vorbereitungen werden eingeleitet. Der Ablauf des Festes wird geplant, wichtige Persoenlichkeiten werden eingeladen (bei den drei Gawai’s an denen ich bisher teilgenommen habe waren einmal der Bupati (Distrikt-Oberhaupt, der Vize-Bupati und einmal das Oberhaupt der Diözese anwesend), die Proben fuer Taenze und Gesaenge beginnen, die trad. Tracht wird ueberprueft und ausgebessert und natuerlich wird der Brem (Reiswein) angesetzt und Tuak (Zuckerpalmenschnaps) in grossen Mengen hergestellt. Kurz vor dem Tag wird die Strasse und das Festhaus bzw. das Langhaus geschmueckt, ueberall ist man dabei Essen und Kuchen wie Reiskuchen aus Reis mit Kokosmilch (Nasi Pulut) bzw. Reismehl mit Palmzucker zu backen und fuer die dicksten der dicken Hausschweine sind die letzten Tage gezaehlt.
Herstellung von Pulut (Reiskuchen in Bambusstangen)
Am Abend vor dem eingentlichen Fest bereiten die Frauen des Dorfes Opferspeisen fuer die Verstorbenen vor, welche in einem im Festhaus zentral aufgehangenen Holzgestell (Kelangkang) abgelegt werden. Daneben wird trad. Musik gespielt und getanzt. Und natuerlich wird auch Brem getrunken.
Herstellung der Opferspeisen (Makanan Sesajian)
Am naechsten Tag ist dann das richtige Fest. Die Leute haben ihre praechtigen Trachten an, trad. Musik wird gespielt und eine Tanzgruppe fuehrt die Gaeste zum geschmueckten Bambustor, wo schon die Frauen und Maedchen mit Reiskuchen und Tablets mit Bechern voll mit Brem nur darauf warten, durchs Tor Kommenden zu verkoestigen und abzufuellen. Auch ein paar Maenner sind dabei welche sich nicht mit Bechern abgeben sondern gleich halbe Kokosnussschalen oder ein-bis-viellaeufige Bambustrinkrohre voll mir Brem den Ankoemmlingen an den Mund druecken…
Brem (Reiswein) in Bambus- und Kokosnussgefaessen
Alle Teilnehmer muessen, wenn sie ins Festhaus wollen an den Bremverteilern vorbei und nicht selten heist das, dass man schon mal drei und mehr Brecher intus hat, bevor man ueberhaupt im Haus ist. Beim Weg in das Haus wird jeder noch vom Adat-Aeltesten gesegnet, indem dieser einen lebenden Hahn von einem im Kreis schwingt.
Dorfalter der die Gawai-Teilnehmer bei Eintritt ins Festhaus segnet und dabei einen Hahn vor einem im Kreis schwingt
Hat man es dann bis ins Festhaus geschafft setzt man sich an die Familienbank und unterhaelt sich. Es werden dann Reden gehalten, es wird fuer die Ernte gedankt, Snacks wandern in die zahlreichen Muender der Dorfbewohner und Gaeste, es wird gebetet, es wird Musik gespielt und elegante Taenze werden um das Kelangkang, den Platz mit den Speisen fuer die Verstorbenen, aufgefuert. Und natuerlich wird Brem gereicht. Gegen Mittag wird das Buffet eroeffnet. Es gibt Reis, Bambusherzen, Reis, Farngemuese, Kuerbis, Huehnchen und natuerlich auch Babi, Schweinefleisch. Obwohl Indonesien ueberwiegend muslimisch ist, sind die Dayak Christen und essen somit Schweinefleisch. Allerdings findet hier gelebte Toleranz der Religionen statt und fuer die muslimischen Gaeste gibt es auch im Nebenraum getrennt zubereitetes Halal-Essen. Und auch die meisten der muslimischen Melayu welche am Fest teilnehmen, schlagen die Becher alkoholhaltigen Brems selten aus.
Ansprachen und Reden… beim Gawai in Ensaid Panjang
Tanz-Auffuehrung im Gemeindehaus von Ukit-Ukit zum Gawai
Das ganze Dorf ist beim Gawai in Ukit-Ukit dabei.
Scheine-Braten einmal anders – Gawai Dayak-Tamu in Ensaid Panjang
Schweinefleisch gilt als besondere Delikatesse bei den Dayak
Guten Appetit! Das gemeinsame Mittagessen beim Gawei in Ukit-Ukit. Natuerlich mit Reis.
Nach dem Essen sitzt man weiter zusammen und es gibt natuerlich Brem. Ueberhaupt koennten Aussenstehende leicht zu der Ueberzeugen gelangen, das die Vernichtung der scheinbar endlosen Vorraete an Brem und Tuak die Hauptessenz des Gawai Dayak sind. Beim Gawei-Dayak in Ukit-Ukit wurde dann noch je Familie eine Schuessel auf die Familienbank gestellt und bis zum Rand mit Brem gefuellt. Eine Alte Frau des Dorfes segnete diese dann mit ein paar Reiskoernern und nippte den ersten Schluck bevor diese dann an ein Mitglied der Familien gereicht wurden. Diese durften die Schuesseln dann unter laufem Beifall leeren. Und natuerlich wurde dies wiederholt da pro Familie mind. einer eine Schuessel trinken musste, es aber nicht auf eine Person limitiert ist. Auch ich konnte mich dem nicht entziehen und eh ich mich versah musste ich solch eine Schale auf Ex leeren. Danach gab es weitere Taenze, weitere Bambusmehrlaeufer und Kokosschalen und naja.. sehr sehr gastfreundlich sind sie ja, und als einziger Auslaender war ich begehrter Rezipient der Bremverteiler. Irgendwann am Abend bin ich dann mit brummendem Kopf im Haus der Familie meiner Bekannten aufgewacht. An viel mehr kann ich mich nicht mehr erinnern.
Tracht der Dayak Desa (links) und Dayak Iban (rechts)
Das Gawai Dayak dauert i.d.R. drei Tage, wird aber gern noch etwas ausgeweitet. Oft wird eine Kirchenmesse besucht und der Reis wird gesegnet. Entweder vom Pfarrer oder von einem Alten der Semagat Strata (hoechste Strata der Tamambaloh). Neben den beschreiben Aktivitaeten besucht man Verwandte und Bekannte wobei natuerlich der Brem nicht fehlen darf. Es werden oft noch Wettkaempfe (Volleyball, Singen, Blasrohrzielschiessen, …) durchgefuehrt und ueberhaupt ist dies eine Zeit des Treffens und Wiedersehens mit Familie und Freunden, da viele, die sonst in Malaysia oder in der Stadt arbeiten extra fuer das Gawai in ihre Doerfer kommen.
Bis jetzt habe ich an drei Gawai-Festen teilgenommen, bei den Dayak-Tamambaloh, Dayak-Iban und Dayak-Desa Ethnien. Und auch wenn alle etwas unterschiedlich waren, die Trachten sich unterschieden, mal mehr Brem und mal mehr Tuak gereicht wurde und mal das Fest im trad. Landhaus und mal im Gemeindehaus stattfand, so hatten alle Feste sehr viel gemeinsam. Besonders aufgefallen ist mir (neben der legendaeren Trinkfreudigkeit der Dayak), die bei den Dayak so unglaubliche Gastfreundschaft, Hoeflichkeit und ihr Sinn fuer Gemeinwesen. Harmonisches Zusammenleben, gegenseitige Hilfe und Respekt hat einen sehr hohen Stellenwert – Untereinander und gegenueber Besuchern. Ich kenne keine Gemeinschaften, die Fremde mit groesserer Selbstverstaendlichkein, Herzlichkeit und Hoeflichkeit behandeln und aufnehmen als diese Dayak hier.
Enda und Pak in Dayak-Tamambaloh Tracht in Ukit Ukit
