Archive for the 'Soziales' Category

Leben auf Stelzen – Doerfer entlang des Flusses Kapuas

Bevor die neue Hauptstrasse, welche Kapuas Hulu mit dem Rest von Indonesien verbindet ausgebaut wurde, war der Fluss Kapuas der wichtigste Verkehrweg und Lebensader des Distriktes. Viele der wichtigesten Siedlungen von Kapuas Hulu liegen an diesem Fluss.
bunutkapuasDer Ort Bunut am Fluss Kapuas
waterworldUeberschwemmte Waldflaechen
haueserundwegestelzenAlle Haeuser und Wege sind auf Stelzen gebaut.
smileBig Smile aus Piasak
clothshoppingUeberall das Gleiche – Frauen lieben Shopping
goodbyepiasakPiasak – Auf Wiedersehen!
Traditionell leben die Menschen vom Fischfang und desen Weiterverarbeitung zu Kerupuk, von den Reisfeldern, ihren Kautschukpflanzungen und von dem was der Wald hergibt. Neue Einkommensquellen wie die Zucht der begehrten Arwana-Zierfische (ein junges Exemplarkann leicht 300 Euro und mehr kosten), Arbeit auf den v.a. im Suedwesten im entstehen begriffenen Oelpalmplantagen und natuerlich die Arbeit als Beamte komplementieren dies.

Transmigrasi im Torfmoor

Transmigrasi ist ein Program in Indonesien welches arme Indonesier von den uebervoelkerten “Hauptinseln” Java sowie Madura und Bali auf die duenn besiedelten Ausseninseln (wie z.B. Sumatra, Kalimantan, Papua, Malukken, …) umsiedelt. Dieses Program ist das groesste “friedliche” Umsiedlungsprogamm der Welt. Begonnen hatten damit die hollaendischen Kolonialherren, die Familien als Plantagenarbeiter v.a. nach Sumatra umsiedelten. Spaeter wurde das Programm vom unabhaengigen Indonesien unter Suharto wieder aufgenommen und hat seinen Gipfel zw. 1979 und 1984 erreicht als gut 2,5 Millonen Menschen umgesiedelt wurden.
Transmigasi-Siedlung im AufbauTransmigrasi-Siedlung im Aufbau
I.d.R. wird den Familien ein einfaches Holzhaus, eine kleine gerodete Flaeche und in den ersten Jahren Unterstuetzung in Form von Reis, Duenger, Saatgut etc. gestellt. Offiziell war mit dem Program eine ausgeglichenere Bevoelkerungsverteilung zw. den Inseln angestrebt worden. Verbunden damit Armutsminderung durch bessere Landverfuegbarkeit und neue Chancen fuer die Transmigranten sowie okonomische Entwicklung fuer Indonesien als Ganzes durch Inwertsetzung natuerlicher Ressourcen auf den duenn besiedelten Ausseninseln. Das Program hatte wohl auch das Ziel der Einigung des Vielvoelkerstaates durch die Schaffung einer nationalen (javanischen) Identitaet und Verringerung regionaler Identitaeten und der Bindung und Kontrolle der Inseln an und durch Java, das politische Zentrum Indonesiens.
201012_transmigrasi_houseTransmigranten-Haus auf ehemaligem Torfwald
Das Program ist von mehreren Seiten unter scharfe Kritik geraten und wird nun auch nicht mehr von Gebern wie der Weltbank und Asian Development Bank gefoerdert. Regenwaldfllaechen wurden abgeholzt und oftmals wurden Fehler (wie Auswahl ungeeigneter Flaechen, ungenuegende Unterstuetzung der Siedler, …) bei der Implementierung des Programms gemacht. Weiterhin wurden Landrechte lokaler Bevoelkerungsgruppen missachtet. In Kalimantan sind von Ende der 90er bis 2001 sind in mehreren Regionen daraus resultierenden Konflikte zwischen maduresische Transmigranten und lokalen Ethnien (v.a. Dayak aber auch Melayu) eskaliert und hunderte (vielleicht sogar tausende) Maduresen wurden getoetet, teilweise sogar enthauptet und zehntausende maduresische Familien flohen.
Das Progamm hat ueber die Jahre an Bedeutung verloren und um 2005 wurden nur noch ca. 15.000 Familien pro Jahr umgesiedelt.
Man sollte glauben, dass ueber die Jahre genug Erfahrung gesammelt wurde, um typische Fehler nicht zu wiederholen. Dem ist aber leider nicht so. Ein Beispiel dafuer ist ein neues Transmigrantendorf 15 km von Putussibau Richtung Kalis.
Dort wurde, u.a. auf Druck der Lokalregierung, mitten im Torfmoorwald eine grosse Flaeche gerodet, eine breite Strasse wurde angelegt, kleine Kanaele entlang dieser in den Torfboden gebaggert, ca. 200 Haeuer wurden mit minderwertigem Holz zurechtgezimmert und seit ca. 2 Wochen sind nun auch die Familien aus Zentral- und Westjava hier angekommen. Strom gibt es noch nicht, Trinkwasser entnehmen sie aus kleinen Brunnen welche von huminsaeuren schwarzgefaerbtes Wasser enthalten. Seit ihrer Ankunft versuchen die Menschen aus Java, welche keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft auf Torfboeden haben, sich mit der Situation zu arrangieren und haben begonnen die Flaechen um ihre Haeuser freizuraeumen. Nun steigen Rauchwolken der brennenden und schwelenden Reste des Waldes gen Himmel. Die Siedler selbst sind enttaeuscht, da sie auf dem sauren durchnaessten Torfboden nichts anbauen koennen. Daszu muessten groessere Entwaesserungskanaele gebaut und die Torfflaechen intensiv gekalkt und geduengt werden. Eine andere Transmigratensiedlung im Torfmoor nur ca. 10 km entfernt hat mittlerweile den Grossteil seiner Einwohner verloren und macht einen tristen Eindruck. Vielleicht ein Ausblick fuer das neue Dorf? Vielleicht aber auch nicht. Viele der Neuankoemmlinge arbeiten als Kulis bei der unweit im entstehen begriffenen Oelpalmplantage von PT. Borneo International Anugerah. Billige Arbeitskraefte fuer die Entwicklung der Plantage und eine weitere Javanisierung in der Mitte Borneos.
201012_transmigrasi_exforestTransmigranten-Siedlung und Waldreste vor dem Abbrennen

Gawai Dayak – The Party of the Brem

Jedes Jahr zwischen Ende Mai und Ende Juni kann man in den Doerfern der Dayak, den Doerfern der groessten indigenen Bevoelkerungsgruppe von Borneo, mit Fahnen, Bambus und Palmenblaettern geschmueckte Strassen und Haeusser sehen und nicht selten wird man zum Trinken eines oder meist mehrerer Becher alkoholhaltigen Tuaks oder Brems in geselliger Runde genoetigt, aehm eingeladen wollte ich sagen – Denn es ist Gawai-Dayak – Saison.
Balai Desa Ukit-Ukit - Gemeindehaus von Ukit-UkitGeschmuecktes Balai Desa Ukit-Ukit – Gemeindehaus von Ukit-Ukit
Einmal im Jahr findet in allen Doerfern der Dayak das Gawai Dayak statt. Dies ist das wichtigste Fest der Dayak und ist vom Ursprung her vielleicht am ehesten mit unserem Erntedankfest vergleichbar. Wenn auch das Zapfen von Kautschuk, die Arbeit auf den Oelpalmplantagen und der Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte immer mehr an Bedeutung gewinnt, so ist Ladang bzw. Wanderfeldbau fuer die Produktion von Reis in vielen Regionen Borneos nach wie vor eine sehr bedeutende, oftmals sogar die Hauptaktivitaet der Dayak. Auch hat der Wanderfeldbau eine hohe kulturelle und spirituelle Bedeutung fuer die Dayak. In der Regel wird der Reis zum Ende der Regenzeit von Februar bis April geerntet. Dieser wird dann, oftmals in zeitaufwendiger Handarbeit, gereinigt und geschaelt. Ende Mai ist der Reis (oder Beras wie hier geschaelter Reis genannt wird) dann aber in den grossen Tonkruegen und Eimern eingelagert. Die Arbeit auf den Ladangflaechen macht nun, bis zum Beginn der Rodungsarbeiten fuer neue Felder, dem Abbrennen dieser und dem Saehen neuer Reispflanzen, eine mehrere Wochen andauernde Pause. Und in diese Zeit faellt das Gawai-Dayak.
gawai_bremlaufinshausEmpfang der Gaeste beim Gawai-Dayak
Vom Perangkat-Adat, dem Aeltestenrat und Angehoerigen der oberen Strata, wird der Termin fuer das Fest im Dorf bestimmt und die Vorbereitungen werden eingeleitet. Der Ablauf des Festes wird geplant, wichtige Persoenlichkeiten werden eingeladen (bei den drei Gawai’s an denen ich bisher teilgenommen habe waren einmal der Bupati (Distrikt-Oberhaupt, der Vize-Bupati und einmal das Oberhaupt der Diözese anwesend), die Proben fuer Taenze und Gesaenge beginnen, die trad. Tracht wird ueberprueft und ausgebessert und natuerlich wird der Brem (Reiswein) angesetzt und Tuak (Zuckerpalmenschnaps) in grossen Mengen hergestellt. Kurz vor dem Tag wird die Strasse und das Festhaus bzw. das Langhaus geschmueckt, ueberall ist man dabei Essen und Kuchen wie Reiskuchen aus Reis mit Kokosmilch (Nasi Pulut) bzw. Reismehl mit Palmzucker zu backen und fuer die dicksten der dicken Hausschweine sind die letzten Tage gezaehlt.
Herstellung von Pulut (Reiskuchen in Bambusstangen)Herstellung von Pulut (Reiskuchen in Bambusstangen)
Am Abend vor dem eingentlichen Fest bereiten die Frauen des Dorfes Opferspeisen fuer die Verstorbenen vor, welche in einem im Festhaus zentral aufgehangenen Holzgestell (Kelangkang) abgelegt werden. Daneben wird trad. Musik gespielt und getanzt. Und natuerlich wird auch Brem getrunken.
gawai_ibupreparationsHerstellung der Opferspeisen (Makanan Sesajian)
Am naechsten Tag ist dann das richtige Fest. Die Leute haben ihre praechtigen Trachten an, trad. Musik wird gespielt und eine Tanzgruppe fuehrt die Gaeste zum geschmueckten Bambustor, wo schon die Frauen und Maedchen mit Reiskuchen und Tablets mit Bechern voll mit Brem nur darauf warten, durchs Tor Kommenden zu verkoestigen und abzufuellen. Auch ein paar Maenner sind dabei welche sich nicht mit Bechern abgeben sondern gleich halbe Kokosnussschalen oder ein-bis-viellaeufige Bambustrinkrohre voll mir Brem den Ankoemmlingen an den Mund druecken…
gawai_bremBrem (Reiswein) in Bambus- und Kokosnussgefaessen
Alle Teilnehmer muessen, wenn sie ins Festhaus wollen an den Bremverteilern vorbei und nicht selten heist das, dass man schon mal drei und mehr Brecher intus hat, bevor man ueberhaupt im Haus ist. Beim Weg in das Haus wird jeder noch vom Adat-Aeltesten gesegnet, indem dieser einen lebenden Hahn von einem im Kreis schwingt.
gawai_segnungDorfalter der die Gawai-Teilnehmer bei Eintritt ins Festhaus segnet und dabei einen Hahn vor einem im Kreis schwingt
Hat man es dann bis ins Festhaus geschafft setzt man sich an die Familienbank und unterhaelt sich. Es werden dann Reden gehalten, es wird fuer die Ernte gedankt, Snacks wandern in die zahlreichen Muender der Dorfbewohner und Gaeste, es wird gebetet, es wird Musik gespielt und elegante Taenze werden um das Kelangkang, den Platz mit den Speisen fuer die Verstorbenen, aufgefuert. Und natuerlich wird Brem gereicht. Gegen Mittag wird das Buffet eroeffnet. Es gibt Reis, Bambusherzen, Reis, Farngemuese, Kuerbis, Huehnchen und natuerlich auch Babi, Schweinefleisch. Obwohl Indonesien ueberwiegend muslimisch ist, sind die Dayak Christen und essen somit Schweinefleisch. Allerdings findet hier gelebte Toleranz der Religionen statt und fuer die muslimischen Gaeste gibt es auch im Nebenraum getrennt zubereitetes Halal-Essen. Und auch die meisten der muslimischen Melayu welche am Fest teilnehmen, schlagen die Becher alkoholhaltigen Brems selten aus.
gawai_redenAnsprachen und Reden… beim Gawai in Ensaid Panjang
gawai_tanzTanz-Auffuehrung im Gemeindehaus von Ukit-Ukit zum Gawai
gawai_gemeindehausDas ganze Dorf ist beim Gawai in Ukit-Ukit dabei.
gawai_pigScheine-Braten einmal anders – Gawai Dayak-Tamu in Ensaid Panjang
gawai_pigpreparation1Schweinefleisch gilt als besondere Delikatesse bei den Dayak
gawai_essenGuten Appetit! Das gemeinsame Mittagessen beim Gawei in Ukit-Ukit. Natuerlich mit Reis.
Nach dem Essen sitzt man weiter zusammen und es gibt natuerlich Brem. Ueberhaupt koennten Aussenstehende leicht zu der Ueberzeugen gelangen, das die Vernichtung der scheinbar endlosen Vorraete an Brem und Tuak die Hauptessenz des Gawai Dayak sind. Beim Gawei-Dayak in Ukit-Ukit wurde dann noch je Familie eine Schuessel auf die Familienbank gestellt und bis zum Rand mit Brem gefuellt. Eine Alte Frau des Dorfes segnete diese dann mit ein paar Reiskoernern und nippte den ersten Schluck bevor diese dann an ein Mitglied der Familien gereicht wurden. Diese durften die Schuesseln dann unter laufem Beifall leeren. Und natuerlich wurde dies wiederholt da pro Familie mind. einer eine Schuessel trinken musste, es aber nicht auf eine Person limitiert ist. Auch ich konnte mich dem nicht entziehen und eh ich mich versah musste ich solch eine Schale auf Ex leeren. Danach gab es weitere Taenze, weitere Bambusmehrlaeufer und Kokosschalen und naja.. sehr sehr gastfreundlich sind sie ja, und als einziger Auslaender war ich begehrter Rezipient der Bremverteiler. Irgendwann am Abend bin ich dann mit brummendem Kopf im Haus der Familie meiner Bekannten aufgewacht. An viel mehr kann ich mich nicht mehr erinnern.
gawai_trachtTracht der Dayak Desa (links) und Dayak Iban (rechts)
Das Gawai Dayak dauert i.d.R. drei Tage, wird aber gern noch etwas ausgeweitet. Oft wird eine Kirchenmesse besucht und der Reis wird gesegnet. Entweder vom Pfarrer oder von einem Alten der Semagat Strata (hoechste Strata der Tamambaloh). Neben den beschreiben Aktivitaeten besucht man Verwandte und Bekannte wobei natuerlich der Brem nicht fehlen darf. Es werden oft noch Wettkaempfe (Volleyball, Singen, Blasrohrzielschiessen, …) durchgefuehrt und ueberhaupt ist dies eine Zeit des Treffens und Wiedersehens mit Familie und Freunden, da viele, die sonst in Malaysia oder in der Stadt arbeiten extra fuer das Gawai in ihre Doerfer kommen.
Bis jetzt habe ich an drei Gawai-Festen teilgenommen, bei den Dayak-Tamambaloh, Dayak-Iban und Dayak-Desa Ethnien. Und auch wenn alle etwas unterschiedlich waren, die Trachten sich unterschieden, mal mehr Brem und mal mehr Tuak gereicht wurde und mal das Fest im trad. Landhaus und mal im Gemeindehaus stattfand, so hatten alle Feste sehr viel gemeinsam. Besonders aufgefallen ist mir (neben der legendaeren Trinkfreudigkeit der Dayak), die bei den Dayak so unglaubliche Gastfreundschaft, Hoeflichkeit und ihr Sinn fuer Gemeinwesen. Harmonisches Zusammenleben, gegenseitige Hilfe und Respekt hat einen sehr hohen Stellenwert – Untereinander und gegenueber Besuchern. Ich kenne keine Gemeinschaften, die Fremde mit groesserer Selbstverstaendlichkein, Herzlichkeit und Hoeflichkeit behandeln und aufnehmen als diese Dayak hier.
gawai_endaEnda und Pak in Dayak-Tamambaloh Tracht in Ukit Ukit