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Internationales Jahr der Waldes 2011 und Berichte über die Wälder Kalimantans

Die Vereinten Nationen (UN) haben das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr des Waldes erklärt (International Year of Forests). Angesichts der Bedeutung der Wälder für Biodiversität, Klima, Wasserhaushalt, Lebensgrundlage, kultureller Bedeutung und vielem mehr und der leider immer noch vielerorts erschreckend schnell vorranschreitenden Entwaldung, eine gute Entscheidung. Damit wird die Problematik der Wälder verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.
Die Wälder Kalimantans können alle Öffentlichkeit die es gibt brauchen, müssen sie doch v.a. Plantagen (v.a. für Ölpalmen, aber auch für schnellwachsende Holzarten der Zellstoffindustrie u.a.), Bergbau und in geringerem Masse der Siedlungsentwicklung und Expansion der Landwirtschaft weichen. Kommerzieller (legaler sowie illgegaler) Holzschlag und Waldbrände haben in der Vergangenheit ebenfalls große Waldflächen gefordert und tun dies wenn auch in geringerem Masse immer noch. Continue reading ‘Internationales Jahr der Waldes 2011 und Berichte über die Wälder Kalimantans’

Das schwangere Krokodil.

Putussibau liegt in den inneren Tropen und erhaelt durchschnittlich 5.000 mm Niederschlag pro Jahr. Das meiste davon faellt in der Regenzeit zwischen Oktober und April. Allerdings gibt es auch in den trockneren Monaten bzw. in der Trockenzeit, ab und zu heftige Regenguesse. Die Trockenzeit 2009 war ausgesprochen ausgepraegt. Wochenlang gab es kaum Regen, der maechtige Kapuas, der laengste Fluss Indonesiens, waren zu einem seichten Gewaesser verkommen und sogar die Seen des Danau Sentarum Nationalparks waren fast komplett ausgetrocknet und boten einen skurrilen Anblick. In der Regel sind solche ausgepraegten Trockenzeiten durch das El-Niño-Phenomaen (ENSO) verursacht.
regen_gartenRegenguss in meinem Garten in Putussibau.
regen_kapuastrockenDas Flussbett des wasserarmen Kapuas in Sintang.
regen_tndsviewseeDanau Luar (Nationalpark Danau Sentarum) im April 2010.
regen_tndsviewseetrockenDanau Luar (Nationalpark Danau Sentarum) im September 2009. Foto: Thilde
regen_tndstrockenbootSkurile Waelder im Danau Sentarum. Bei normalem Wasserstand schauen nur die Kronen ueber die Seeoberflaeche. Foto: Thilde
regen_tndstrockenTrockener Seeboden im Danau Luar (Nationalpark Danau Sentarum). Bei hohem Wasserstand ragen nur die Baumkronen aus dem See. Foto: Thilde
Die besonders trockene Zeit zwischen Mitte Juli und Ende August haben hier manche auch als “Zeit der roten Sonne” bezeichnet. Nicht ganz unpassend, da zum Ende der Trockenzeit ueberall auf Kalimantan die gerodeten Felder abgebrannt werden (Brandrodungsfeldbau) um den Boden mit den Naehrstoffen der abgebrannten Vegetation fuer eine Saison fruchtbar zu machen. Auch fuer das Anlegen von Plantagen wird, trotz offiziellen Verbots und zero-burn-policy, mancherorts von den Konzernen noch Feuer zum “Entsorgen” der urspuenglichen Vegetation eingesetzt. Da der Sommer 2009 besonders trocken war, brannten die Flaechen incl. der Torfboeden besonders gut. Selbst im Nationalpark Danau Sentarum brannte es heftig. Leider konnte die Waldfeuerwehr hier, wenn sie denn mal Extra-Geld fuer Treibstoff bekommen hat, meist nur zusehen und dokumentieren. Ihr Loesch-Equipment konnte nicht ueber die ausgetrockneten Seen zu den Brandherden gebracht werden. Und so schwaengerten Rauchschwaden und Aschepartikel von den gerodeten Waeldern fuer Plantagen und Wanderfeldbau-Flaechen wochenlang die Luft, faerbten die Sonne roetlich und der erlosende Regen, der die Partikel auswaschen wuerde, hatte sich bis September Zeit gelassen.
regen_pontihazeDie Stadt Pontianak in dichtem Haze und mit roter Sonne. Foto: O. Zieschang
regen_shiftingcultivationBrandrodungsfeldbau – Die Ladangflaeche wird fuer die Aussaat von Trockenreis abgebrannt.
regen_plantageGrosse Plantagen werden in West Kalimantan fuer Oelpalmen angelegt.
regen_feuerWird leider noch viel zu haeufig praktiziert – Abbrennen der Flaechen vor der Kultivierung.
Diese Jahr allerdings scheint die Trockenzeit komplett auszufallen. Es gibt kaum Tage an denen es nicht regnet und die Leute in den Doerfern fragen sich schon, ob sie denn dieses Jahr ueberhaupt Reis aussaehen koennen. Immerhin muessen sie vorher ihre gerodeten Felder (Brandrodungsfeldbau) abbrennen, welche bei haeufigem Regen natuerlich nicht abtrocknen koennen.
Vielleicht ist dies ein Zeichen des Klimawandels, vielleicht ein starkes-La-Niña-Ereignis, vielleicht auch einfach nur eine aussergewoehnlich regenreiche Trockenzeit. So richtig weis das hier niemand. In den Doerfern, wo ich gerade Kartierungen unterstuetze, erzaehlen die Leute von einem schwangeren Krokodil, das Hunger auf Menschenfleisch hat. Deswegen macht das Krokodil dass es mehr regnet so dass die Fluesse anschwellen und vielleicht jemand in die Fluten faellt und zur leichten Beute wird. Haeufiger hoert man auch die Theorie, dass der viele Regen die Strafe fuer eine ganz schlechte Tat ist (wie z.B. das ein Mann mit seiner Tochter geschlafen hat). Wie dem auch sei, Fakt ist, dass es diesen Sommer staendig regnet.
regen_floodsadapHochwasser bei Sadap – Teilnehmer des Survei-Teams Sadap auf dem Weg zum Kartierungstraining.

Musim Kayu – Die Holzsaison

Mein Distrikt Kapuas Hulu liegt im Zentrum der Insel Borneo, in einem Gebiet was oft auch als “The Heart of Borneo” bezeichnet wird. Kapuas Hulu ist einer der waldreichsten Distrikte in ganz Kalimantan (indonesische Teil der Insel Borneo) und ueber die Haelfte der Distriktflaeche steht unter Schutz. Das groesste Schutzgebiet ist der Betung Kerihun Nationalpark mit einer Flaeche von ueber 800.000 ha tropischem Primaerwald. Waehrend dieser Park, auch aufgrund seiner schwierigen Topographie und seiner Entfernung zu Strassen, relativ gut geschuetzt ist, sieht es in vielen anderen Teilen von Kapuas Hulu nicht so gut aus.
PrimaerwaldPrimaerwald im Betung Kerihun Nationalpark
In Indonesien wurde und wird Wald sehr oft als eine Ressource gesehen, die man nutzen muss, um sich zu entwickeln. Mit Nutzen wird hier v.a. das Abholzen und Verkaufen der Urwaldriesen und/oder Konvertieren der Flaechen in landwirtschaftliche Nutzflaeche/Plantagen verstanden. In der Zeit der Neuen Ordung (Orde Baru) unter Suharto (bis 1998) wurden grossflaechig Einschlagkonzessionen an regierungs- und militaernahe Konzerne vergeben, welche sich i.d.R. nicht um Wiederaufforstungsmassnahmen kuemmerten. Nur ein marginaler Teil der Profite und Gebuehren aus dem Holzgeschaeft blieb in der Region, waehrend der Grossteil nach Jakarta abfloss. Grosse Flaechen wurden in dieser Zeit abgeholzt, ohne dass die lokale Bevoelkerung davon profitierte. Immerhin unterstanden und unterstehen fast alle Waldflaechen in Indonesien dem nationalen Forstdepartment und lokale Gruppen hatten wenig Einfluss auf Entscheidungen, welche ueber ihren Wald im fernen Jakarta getroffen wurden. Illegale Abholzung hielt sich durch einen relativ starken und autoritären Polizei- und Militaerapparat allerdings in Grenzen.
GrossflaechigEntwaldetesGebietGrossflaechig entwaldetes Gebiet
Dies aenderte sich nach dem Sturz Suhartos. Mit dem Begin der Reformasi und der Einfuehrung der lokalen Autonomie sahen viele Akteure auf lokaler Ebene ihre Chance, endlich auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Neben den noch aktiven Holzkonzessionen aus der Zeit Suhartos begannen nun Lokalbeamte selbst Holzeinschlagsgenehmigungen zu verteilten. Hinzu kam, dass viele lokale private Akteure nun auch straffrei Holz aus dem Wald holten. Das Fehlen etablierter Regierungsstrukturen und die Rechtsunsicherheit in den Anfangsjahren der Reformasi unterstuetzten dies. In Kapuas Hulu, so berichtet man, entstanden in dieser Zeit unzaehlige Logging-Camps, stuendlich fuhren grosse Holztransporter durch Putussibau Richtung der malaysischen Grenze wo sie sich stauten. Aber auch nach Pontianak und Jakarta wurde Holz verkauft. Der Grossteil wurde aber als Stammholz (es ist per Gesetz verboten Stammholz aus Indonesien auszufuehren – damit soll die holzverarbeitenden Industrie gefoerdert und Mehrwert im Land erzeugt werden) ueber die Grenze nach Sarawak (Malaysia) gebracht. Verdient haben daran fast alle. Die Doerfler haben die Baeume geschlagen, tlw. zersaegt und zur Strasse gebracht. Oftmals wurden sogar Arbeiter aus anderen Distrikten nach Kapuas Hulu gebracht, um die schwere Arbeit im Wald zu erledigen. Viele Regierungsangestellte haben gegen ein entsprechendes Bakschisch weggeschaut bzw. es wurden zwischen den Logging-Unternehmern und einflussreichen Personen in der Verwaltung Deals ausgehandelt. Z.B. musste ein mit Holz beladener LKW, der die Grenze passieren wollte 50.000 Rp (damals ca. 6 Euro bezahlen). Auch haben die Holzunternehmer die lokale Bevoelkerung mit dem Bau neuer Langhaeuser, Kirchen etc. als Kompensation fuer sich gewinnen koennen.
Illegales Stammholz vor einer Kirche bei MelapiIllegales Stammholz vor einer Kirche
Aber viele Personen im Distrikt haben auch indirekt von dem Holzboom profitiert. Sei es als Geldwechsler, Haendler fuer (v.a. Stiehl-) Kettensaegen und alles was man sonst noch im Logging Camp brauchte, Restaurantbetreiber, Hotelbesitzer, Prostituierte, Mopethaendler, Handwerker u.s.w.. In dieser Zeit ist in Kapuas Hulu zum ersten Mal richtig viel Geld in den Distrikt geflossen, es wurde viel konsumiert und nicht wenige sind reich geworden. Allerdings hatte dies einen hohen Preis. Mittlerweile gibt es viele Gebiete in denen kaum noch grosse Baueme stehen und es ist schwierig geworden z.B. Eisenholz, ein extrem hartes und bestaendiges Holz, zu finden. Dieses wird aber z.B. fuer den Bau von Haeusern in dem oft sumpfingen und ueberschwemmten Gelaende fuer Stelzen benoetigt. Grosse Flaechen wurden gerodet bzw. der Wald grossflaechig seiner Urwaldriesen beraubt und damit degradiert.
StiehlKettensaegeDie Stiehl Kettensaege – Deutsche Qualitaetsarbeit
2005 aendete sich dies schlagartig, als ploetzlich hart gegen illegal operierende Holzunternehmer vorgegangen wurde. Dies muss so schlagartig passiert sein, dass oftmals alles stehen und liegen gelassen wurde. Nur 20 km von meinem Haus habe ich diese Bilder von verlassenen Logging-Gefaehrt und geruecktem und nun vermoderndem Stammholz aufgenommen.
IllegalesStammholzIllegalesStammholz welches hier seit mehrere Jahren liegt
Eingewachsenes EquipmentEingewachsenes schweres Equipment
Verlassener HolztransporterVerlassener Holztransporter
Verlassenes Fahrzeug vor Illegalem StammholzVerlassenes Fahrzeug vor illegalem Stammholz
Mit dem harten Durchgreifen gegen die komerziell operierenden illegalen Holzunternehmen ging die “Musim Kayu” – “Die Holzsaison” zu Ende. Wenn man mit Leuten hier spricht, sehnen sich viele nach dieser Zeit der Prosperitaet und des schnellen Geldes zurueck. Selten hoert man Stimmen, welche die nicht nachhaltige Nutzung der Ressource Wald in dieser Zeit und die Folgen daraus fuer die Zukunft ansprechen oder welche gar die negativen Folgen fuer Flora & Fauna sowie fuer die Oekosysteme als Ganze, erwaehnen.
Man sollte aber nicht glauben, dass mit dem Ende der Musim Kayu der illegale Holzeinschlag beendet waere. Lediglich der Export nach Malaysia und Pontianak ist unterbunden worden. Fuer den lokalen Markt wird nach wie vor kraeftig und i.d.R. ohne Lizenz illegal Holz geschlagen. Vorgestern bin ich per Fahrrad ein paar Kilometer von Putussibau Richtung Kalis/Sintang gefahren und entlang dieser ca. 10 Kilometer sieht man ueberall an der Strasse Staemme, Balken und Bretter, fertig fuer den Abtransport liegen, kleine Wege gehen in den schon stark degradierten Wald und alle paar hundert Meter sieht und hoert man ein kleines Saegewerk (oftmals eine nur notduerftig zusammengezimmtere Anlage, tlw. sogar nur eine grosse Plane mit Kreissaege darunter). Das Geraeusch der Kreis-und Kettensaegen hat ohnehin schon laengst den Ruf des Nashornvogels verdraengt. Selten ist der Moment, in dem man keine Kettensaege am Arbeiten hoert. Selbst in ausgewiesenen Schutzwaeldern habe ich oft das Schnarren der Stiehl-Saege vernommen.
Illegaler HolzeinschlagIllegal geschlagenes Holz bei Putussibau
SaegewerkEines von vielen Saegewerken, welche in letzter Zeit entstanden sind.
Natuerlich braucht man Holz und der Wald in Kapuas Hulu hat hohes Potential genutzt zu werden. Aber dafuer braucht es Regeln und Leute die diese Regeln durchsetzen und kontrollieren. Es waere falsch, die Leute, welche hier jeden Tag schwere Arbeit verrichten, ploetzlich allesamt zu verhaften. Noch gibt es in Kapuas Hulu leider keinen Gemeindewald oder Waldflaechen, welche von der lokale Bevoelkerung aktiv verwaltet und genutzt werden (duerfen). Eigentlich ist somit jeglicher Holzeinschlag durch die lokale Bevoelkerung, welche i.d.R. keine Genehmigung beantragt, illegal. Aber wenn Wald wie ein oeffentliches Gut behandelt wird, man die Gesetze nicht durchsetzt, die diese Ressouce schuetzen sollen, dann fehlt auch die Grundvorraussetzung fuer eine nachhaltige Nutzung dieser. Immerhin moechte man in Indonesien nun das Waldmanagement durch sog. KPHs (Forstaemter) verbessern und Gemeindewald foerdern. Communty Based Forestry ist ein Schlagwort, welches im Moment bei den Forstbeamten in Mode ist. Es bleibt zu hoffen dass moeglichst schnell sinnvolle Waldmanagementformen gefunden und umgesetzt werden. Es koennte sonst in Kalimantan sehr bald zu spaet dafuer sein.Holztransport per FahrradBretter und Balken werden per modifizierten Fahrrad an die Hauptstrasse gebracht.
Holz-LKWAbtransport des Holzes fuer den lokalen Markt.