Archive for the 'Alltägliches' Category

Camping am Fluss

Oft werde ich gefragt, was man denn in Putussibau in seiner Freizeit anstellen kann. Camping-Hunting CrewDer Distrikt Kapuas Hulu ist touristisch sehr interessant und mit seinen noch vorhandenen Naturschätzen für naturverbundene Freizeitgestaltung prädestiniert. Die Hauptstadt, mein Wohnort, Putussibau muss man dagegen eher als langweilig bezeichnen. Dieses, mit Umland etwa 30.000 Einwohner zählende Verwaltungs- und Versorgungszentrum, zeichnet sich durch das fast gänzliche Fehlen auf Entspannung, Erholung oder Esthetik ausgeleger Infrastruktur aus.
Die Stadt an sich ist mit ihrer Lage am Fluss, ihrer lockeren Bebauung, viel Grün und keinen Stauproblemen (außer durch den Rückstau der Hundertschaften Wartender an den Tankstellen) und keinem Smog (außer wenn nach ein paar trockenen Tagen alle auf die Idee kommen, ihren Müll hinterm Haus zu verbrennen) für Indonesien eine eher angenehme Stadt und mir viel lieber als das Großstadtchaos Jakartas. Continue reading ‘Camping am Fluss’

Das schwangere Krokodil.

Putussibau liegt in den inneren Tropen und erhaelt durchschnittlich 5.000 mm Niederschlag pro Jahr. Das meiste davon faellt in der Regenzeit zwischen Oktober und April. Allerdings gibt es auch in den trockneren Monaten bzw. in der Trockenzeit, ab und zu heftige Regenguesse. Die Trockenzeit 2009 war ausgesprochen ausgepraegt. Wochenlang gab es kaum Regen, der maechtige Kapuas, der laengste Fluss Indonesiens, waren zu einem seichten Gewaesser verkommen und sogar die Seen des Danau Sentarum Nationalparks waren fast komplett ausgetrocknet und boten einen skurrilen Anblick. In der Regel sind solche ausgepraegten Trockenzeiten durch das El-Niño-Phenomaen (ENSO) verursacht.
regen_gartenRegenguss in meinem Garten in Putussibau.
regen_kapuastrockenDas Flussbett des wasserarmen Kapuas in Sintang.
regen_tndsviewseeDanau Luar (Nationalpark Danau Sentarum) im April 2010.
regen_tndsviewseetrockenDanau Luar (Nationalpark Danau Sentarum) im September 2009. Foto: Thilde
regen_tndstrockenbootSkurile Waelder im Danau Sentarum. Bei normalem Wasserstand schauen nur die Kronen ueber die Seeoberflaeche. Foto: Thilde
regen_tndstrockenTrockener Seeboden im Danau Luar (Nationalpark Danau Sentarum). Bei hohem Wasserstand ragen nur die Baumkronen aus dem See. Foto: Thilde
Die besonders trockene Zeit zwischen Mitte Juli und Ende August haben hier manche auch als “Zeit der roten Sonne” bezeichnet. Nicht ganz unpassend, da zum Ende der Trockenzeit ueberall auf Kalimantan die gerodeten Felder abgebrannt werden (Brandrodungsfeldbau) um den Boden mit den Naehrstoffen der abgebrannten Vegetation fuer eine Saison fruchtbar zu machen. Auch fuer das Anlegen von Plantagen wird, trotz offiziellen Verbots und zero-burn-policy, mancherorts von den Konzernen noch Feuer zum “Entsorgen” der urspuenglichen Vegetation eingesetzt. Da der Sommer 2009 besonders trocken war, brannten die Flaechen incl. der Torfboeden besonders gut. Selbst im Nationalpark Danau Sentarum brannte es heftig. Leider konnte die Waldfeuerwehr hier, wenn sie denn mal Extra-Geld fuer Treibstoff bekommen hat, meist nur zusehen und dokumentieren. Ihr Loesch-Equipment konnte nicht ueber die ausgetrockneten Seen zu den Brandherden gebracht werden. Und so schwaengerten Rauchschwaden und Aschepartikel von den gerodeten Waeldern fuer Plantagen und Wanderfeldbau-Flaechen wochenlang die Luft, faerbten die Sonne roetlich und der erlosende Regen, der die Partikel auswaschen wuerde, hatte sich bis September Zeit gelassen.
regen_pontihazeDie Stadt Pontianak in dichtem Haze und mit roter Sonne. Foto: O. Zieschang
regen_shiftingcultivationBrandrodungsfeldbau – Die Ladangflaeche wird fuer die Aussaat von Trockenreis abgebrannt.
regen_plantageGrosse Plantagen werden in West Kalimantan fuer Oelpalmen angelegt.
regen_feuerWird leider noch viel zu haeufig praktiziert – Abbrennen der Flaechen vor der Kultivierung.
Diese Jahr allerdings scheint die Trockenzeit komplett auszufallen. Es gibt kaum Tage an denen es nicht regnet und die Leute in den Doerfern fragen sich schon, ob sie denn dieses Jahr ueberhaupt Reis aussaehen koennen. Immerhin muessen sie vorher ihre gerodeten Felder (Brandrodungsfeldbau) abbrennen, welche bei haeufigem Regen natuerlich nicht abtrocknen koennen.
Vielleicht ist dies ein Zeichen des Klimawandels, vielleicht ein starkes-La-Niña-Ereignis, vielleicht auch einfach nur eine aussergewoehnlich regenreiche Trockenzeit. So richtig weis das hier niemand. In den Doerfern, wo ich gerade Kartierungen unterstuetze, erzaehlen die Leute von einem schwangeren Krokodil, das Hunger auf Menschenfleisch hat. Deswegen macht das Krokodil dass es mehr regnet so dass die Fluesse anschwellen und vielleicht jemand in die Fluten faellt und zur leichten Beute wird. Haeufiger hoert man auch die Theorie, dass der viele Regen die Strafe fuer eine ganz schlechte Tat ist (wie z.B. das ein Mann mit seiner Tochter geschlafen hat). Wie dem auch sei, Fakt ist, dass es diesen Sommer staendig regnet.
regen_floodsadapHochwasser bei Sadap – Teilnehmer des Survei-Teams Sadap auf dem Weg zum Kartierungstraining.

Das Kamar Mandi – Das indonesische Badezimmer

Etwas, mit dem jeder Indonesienbesucher ueber kurz oder lang Bekanntschaft macht ist das Kamar Mandi – das indonesische Badezimmer.
Reinlichkeit hat hier einen hohen Stellenwert. Die nicht selten gestellte Frage “Sudah mandi?” – “Hast du schon geduscht?” ist oft gleichbedeutend mit “Hallo, wie geht’s?”.
Aber fuer den Indonesienneuling kann so ein Kamar Mandi (Badezimmer) schon eine Herrausforderung sein. In einem typischen indonesische Mandi gibt es ein grosses offenes Wasserbecken und eine Schoepfkelle. Die meisten Kamar Mandi haben zusaetzlich eine Hocktoilette mit integriert. Man macht mandi indem man sich mit der grossen Schoepfkelle mit einem erfrischenden Schwall Wasser, welches man zuvor aus dem Becken geschoepft hat, uebergiesst. Man seift sich ein und uebergiesst sich erneut. Das Wasserbecken sollte nicht als Badewanne missbraucht werden. Dies waere nicht sehr hygiensich, da Wasser ins Becken nur nachgefuellt das Becken selbst nur selten voellig geleert und richtig reinigt wird.
Die Hocktoilette ist die naechste Herrausforderung. Es gilt Balance zu halten und sich richtig zu positionieren (man will ja auch treffen). Nach Toilettenpapier wird man vergeblich suchen. Zum Reinigen nimmt man die Schoepfkelle in die rechte Hand, haelt die mit Wasser gefuellte Kelle hinter/unter seinem Hintern und spritzt sich mit der linken Hand Wasser daraus an die zu reinigenden Stellen. Sich dabei nicht die ganze Hose nasszuspritzen, koennen wohl nur echte Indoneiser.
Typisches_MandiTypisches Indonesisches Mandi mit Hocktoilette.
Aber der Mensch man gewohnt sich erstaunlich schnell an Vieles. Den erfrischenden Wasserguss des Mandi finde ich sogar richtig Klasse. Nur ist es eine ziemliche Wasserverschwendung. Und das Hockklo. Auch an das habe ich mich gut gewoehnt. Es soll sogar gesuender sein, trainiert die Oberschenkelmuskulatur und ist definitiv hygienischer als ein Sitzklo (v.a. wenn die Reinigung des Badezimmers nicht so ernst genommen wird). Zum Glueck gibts auch Toilettenpapier in den Geschaeften zu kaufen (allerdings werden die Rollen von den Indonesiern eher als Hygienetuecher denn als Klopapier benutzt). Weiterhin ist das Hockklo auch deutlich sparsamer im Wasserverbrauch. Nur Seife fuer die Haende ist ein Muss – in oeffentlichen WCs (und in den meisten Buerogebaeuden) so selten wie Originalsoftware auf indonesischen PCs.
Mittlerweile gibt es aber auch schon sehr viele “Western-Style”-WCs. – Indonesier wollen ja “modern und fortschrittlich” sein und ein Sitzklo (trotz dessen Nachteile) gehoert in ihrem Weltbild dazu – Nur mit der Benutzung dieser hat so mancher Indonesier noch so seine Schwierigkeiten, wie das folgende Bild aus einem Hotel zeigt. Und das ist kein Witz, ich selbst kenne Leute, die sich mit den Fuessen auf die Klobrille hockten… das Sitzen wuerde weh tun…
Bedienungsanleitung_SitztoiletteBenutzungsanleitung fuer eine Western-Style Toilette – “salah = Falsch” “yang benar = So its’s richtig”.
Daneben gibt es auch alle moeglichen Kombinationen. Teilweise ist das Bak Mandi (der Wasserbehaelter) auch einfach nur ein grosser Bottich oder ein Eimer.
mandi_tajumMandi in Haus eines Buergermeisters. Das Wasserbasain bitte nicht als Badewanne missbrauchen!
Allerdings gibt es auch viele Familien, die gar kein Mandi im Haus haben. V.a. in den Doerfern sieht man dies haeufig aber selbst in den Staedten haben viele Haeusser in Flussnaehe nur ein Floss-Klo. Ein Plumsklo mit der groessten Wasserspuelung der Welt sozusagen. Nur wird dieses Floss auch als Wasch- und Badestelle benutzt, was nicht gerade hygienisch ist, wenn der Nachbar gerade in seinem Flossklo unmittelbar flussaufwaerts “sein Geschaeft” erledigt. In den Ortschaften sieht man oft wie sich die Flosstoiletten dicht an dicht entlang des Flusses aufreihen. Aber immerhin ist die Reinigung der dieser Toilette einfach und es gibt immer fliessend Wasser.
Schwimmende Toiletten am Kapuas Fluss.Schwimmende Toiletten/Badestellen am Kapuas Fluss.
mandi_flossmandiDas Fluss-Mandi. Badestellen, Toilette und Bootsanlegestelle in Einem.
Wenn in der Trockenzeit der Fluss allerdings zum Rinnsaal wird, ist diese Art des Mandi nicht mehr sehr vorteilhaft.
mandi_putussibau Trocken liegende Toiletten im fast ausgetrocknetem Flussbett eines Nebenarms des Sibau-Flusses in Putussibau.
Oftmals wird zum Waschen und Baden auch die Badestelle am Fluss benutzt. Wenn man sich auch durchringen muss, den Gang zum Fluss anzutreten, so wird man doch mit erfrischend kuehlem und (wenn nicht gerade im Flussoberlauf Gold geschuerft wird oder Starkregen den Fluss mir Sediment truebt) sehr sauberem Nass belohnt. Besser als jede Dusche oder Badewanne!
mandi_flussMandi am Fluss Embaloh | Badestelle im Dorf Tajum
Neben diesen zugegebenermassen einfachen Toiletten und Badestellen gibts in Indonesien auch das andere Extrem. Im Flughafen von Jakarta kann man zum Beispiel beim Wasserlassen Fische, im ueber dem Pissoir aufgehangenem Aquarium beobachten…
mandi_aquariumAquarium in der Herrentoilette des Jakartaer Flughafens.
Wer nun Interesse verspuert, noch mehr ueber Sanitaersysteme zu erfahren moechte ich auf meine Diplomarbeit verweisen. Ecosan – Eine nachhaltige Lösung für die Sanitärprobleme der Marginalsiedlungen Limas (Peru)? (pdf, 1.5 MB) Ich hatte mich darin mit Ecosan-Konzepten fuer periurbane Raeume in der Stadt Lima (Peru) beschaeftig. Und Toiletten spielen dabei eine sehr wichtige Rolle.